Das Gefühl, ob etwas stimmig oder unstimmig ist, ist mir irgendwann abhandengekommen. Mein Kopf hat übernommen, mein Ego regierte, und das mit liebloser Hand.

Bis alles Vorherige umgeworfen wurde und ich mich auf die Suche machte: auf die Suche nach meiner ureigenen Kreativität und Intuition.

Kreativität, die Schöpfung von etwas Neuem, bedeutet für mich weit mehr als der bloße künstlerischer Akt. In ihr steckt die Fähigkeit zur Transformation, es ist das Erkennen der natürlichen Zyklen von Leben und Tod, des Erschaffens, Zerstörens und Neu-Erschaffens. Hier manifestieren sich die Prinzipien natürlicher Entwicklung und damit für mich das universelle Handwerkszeug des Schöpfens und Gestaltens.


Dieser Ursprung ist tief in uns verwurzelt und beeinflusst nicht nur unsere kreative Tätigkeit, unsere Selbstständigkeit und unsere Projekte, sondern auch die Art und Weise, wie wir das Leben verstehen und gestalten.

Sprache der Kreativität

Meine Suche begann mit etwas Handfestem: der Wissenschaft. Gut so. Denn neurowissenschaftlich gesehen liegt der Ursprung der Kreativität nicht im Verstand, nicht im bewussten Denken, sondern in unserem Unterbewusstsein. Hier wirkt und arbeitet unser gesamtes individuelles und kollektives Wissen. Aus Erlerntem, Geerbtem und Erfahrenem bilden sich komplexe Informationsbündel, die sich in einem nie enden wollenden Sortierungsprozess dynamisch verbinden, auflösen und neu verknüpfen – immer auf der Suche nach Lösungen für die Fragen und Herausforderungen, die uns derzeit beschäftigen.

Hier arbeiten nicht nur die Neuronen unseres Gehirns, sondern jede Zelle unseres Körpers, jede gespeicherte Information unseres Wesens. Die Vorherrschaft des Verstandes endet also gleich hier. Denn erst in der Tiefe passieren die eigentlichen Kunststücke und dringen über verschiedene Kanäle an die Oberfläche: durch Gedanken, durch Gefühle und Körperempfindungen.


Die Kunst der kreativen Arbeit liegt also unter anderem darin, diese Kommunikationskanäle zu verstehen, zu öffnen und deren Sprache zu erlernen.

These 1: mehr fühlen, weniger denken.

Das schöpferische Ich

Öffnen wir diese Kanäle, wird uns einiges an Ungesagtem und Unverstandenem begegnen.


Das, was ich hier als Weg zu kreativer Kraft beschreibe, fußt auf einem alten Appell: „Erkenne Dich selbst“. Authentische Kreativität entspringt unserem eigenen Wesenskern. Dieser liegt häufig begraben unter kulturellen Paradigmen, erlernten Glaubenssätzen und Identitätspfeilern, den eigenen und transgenerationalen traumatischen Erlebnissen und unverarbeiteten Erfahrungen.

In diesem Prozess häuten wir uns wie eine Schlange, immer und immer wieder. Durch jede Häutung befreien wir uns von Ängsten, Zwängen und falschen Vorstellungen und öffnen uns dem, was aus der Tiefe emporsteigt.
Je dünner die Schale des Egos wird, desto leichter fällt es uns, unsere wirklichen Werte, Leidenschaften und Kompetenzen zu entdecken und zu leben. Dazu gehört eine große Portion Selbstliebe (und auch die will gelernt sein).

These 2 kann sich nicht entscheiden: mehr Liebe, weniger Angst — aber genauso: mehr heute, weniger gestern.

Horst Tiwald
Kreativität ist das Gegenteil von Durchschnittsbildung, eine zentrifugale Kraft, die nach neuen Jagdgründen strebt. Das ist in uns eingepflanzt, von Anbeginn an, weil sonst das Leben sich nie hätte entwickeln können.

Rhythmus der Gestaltung

Das hier ist kein kurzes Abenteuer, eher ein langes. Also machen wir es uns besser gemütlich und richten uns in uns ein.
Dazu gehört unser eigener kreativer Rhythmus: der pendelt sich irgendwo zwischen Tun und Sein, Aktivität und Rückzug, zwischen Informationsaufnahme und -verarbeitung ein.


Das zyklische Wesen der Kreativität findet sich bei genauerem Hinschauen gleichsam in unseren eigenen Entwicklungsprozessen, in der Natur und in unserer kreativen Arbeit.

Sind wir in der Lage, diese Zyklen wahrzunehmen und zu erkennen, so können wir sie nutzen und wachsen ganz organisch auf unser persönliches Optimum an Kreativität, Effizienz und Wirksamkeit zu. Es ergibt sich ein fließendes Gefühl im Denkprozess, Gefühle werden zugänglicher und unser Wissen strömt ungehindert zwischen der bewussten und der unterbewussten Ebene hin und her. Kreativität, Intuition, nice to meet you.

These 3: mehr Sein, weniger Tun.

Text Martje Mehlert | Lektorat Julia Reverey
Illustration Carina Lange | Zitat aus einer Inschrift von Chilon von Sparta am Apollotempel von Delphi, ca. Mitte 5. Jhd. v. Chr.