Stille Glanzleistung im Kopf

Mein Körper als ein hochkomplexes System von Wissen und Kreativität – um das zu verinnerlichen, hilft es dieses System etwas mehr zu verstehen. Beginnen wir am besten da, wo so vieles beginnt: im Kopf.

Netzwerk der Erfahrungen

Das Gehirn eines erwachsenen Menschen ist ein hochverdichtetes Netzwerk aus circa 86 Milliarden Nervenzellen. Es verarbeitet unsere Sinneswahrnehmungen, koordiniert unser Verhalten und dient als Speicher für alle äußeren und inneren Reize. Von Beginn unseres Daseins werden hier alle Erfahrungen, jede Wahrnehmung und Information aufgenommen, fein säuberlich einsortiert und gesammelt. Es ist das dynamische Archiv und die intelligente Schaltzentrale unseres Lebens.

Lebendiges Wissen

Jede Sekunde strömt eine unglaubliche Menge an Reizen auf uns ein – äußere Reize wie Temperatur, Geräusche, Gerüche und visuelle Bilder; innere Reize wie Gefühle und Empfindungen, Wohlsein oder Unwohlsein, Anspannungen oder Zufriedenheit. Jede Erfahrung, die wir machen kommt als ein komplexes und vielschichtiges Bündel an Wahrnehmungen in unserem Gehirn an und wird dort verarbeitet und abgespeichert.

  • informationsaufnahme
    Wahrnehmung innerer und äußerer Reize

  • informationsverarbeitung
    Bewertung und Sortierung

  • informationsspeicherung
    Verknüpfung und Archivierung

Die einströmenden Informationen werden zunächst bewertet und priorisiert, geordnet und sortiert: ist die Erfahrung bereits gemacht worden? Wozu passt diese Information, welcher ähnelt sie und welcher widerspricht sie? Unser Erlebnis wird mit unserem bisherigen Erfahrungsschatz abgeglichen und schließlich an passender Stelle mit den bereits vorhandenen Informationen verknüpft und archiviert.


Dieser Prozess erzeugt ein lebendiges Wissenssystem, welches sich permanent den neu einströmenden Informationen anpasst: was gebraucht wird, wird hervorgehoben, was nicht gebraucht wird, immer weiter wegsortiert – bis es gefühlt ganz verschwindet.

Friedrich Wilhelm Nietzsche
Die größten Ereignisse, das sind nicht unsere lautesten,
sondern unsere stillsten Stunden.

Endlich Ruhe

Eine Idee entsteht auf biologischer Ebene, wenn eine Gruppe von Nervenzellen in unserem Gehirn das erste Mal gemeinsam feuern, sich also durch elektrische Impulse verbinden. Wir bringen in diesem Moment Informationen zusammen, die zwar vorher schon als Einzelteile vorhanden waren, aber ohne Verknüpfung. Um diese neuronalen Verbindungen bestmöglich zu bilden und auch abwegige Kombinationen zu testen, braucht unser Gehirn vor allem eins: Ruhe.

Innere Ordnung

Gewähren wir uns und unserem System nur sehr wenig Ruhe und Musephasen, kommt es schlichtweg zu einem Informationsstau.


Immer neue Reize und Informationen strömen auf uns ein, die bewertet, sortiert und intelligent verbunden werden wollen. Die Verarbeitung stockt, wir fühlen uns schließlich gereizt, überfordert und statt kreativer Entscheidungen neigen wir zu impulsive Handlungen und hitzigen oder verzweifelten Hau-Ruck-Lösungen.

Das sogenannte kombinatorische Denken beginnt erst dann, wenn die Informationsaufnahme runtergefahren wird: das kann im Schlaf sein, beim Tagträumen, bei routinierten Tätigkeiten wie Duschen oder Spazierengehen. Dieser innere Ordnungsvorgang ist absolut unersetzlich für unsere kreativen Prozesse und Tätigkeiten – und erfährt in unserer Kultur trotzdem weder Verständnis noch Wertschätzung.

Dieser so entscheidende Teil der kreativen Arbeit findet nach wie vor eher zufällig statt: in Urlauben, am Wochenende oder in Krankheitsphasen.

Anders arbeiten

Wenn wir das, was Du gerade gelesen hast, ernst nehmen – was würde das für deine Arbeit und dein Leben bedeuten? Wenn wir annehmen, dass ein unerlässlicher Schritt zu guten Ideen und sinnvollen Lösungen im Stillen liegt, im Träumen, in der Bewegung, ja sogar im Schlaf. Und wenn wir begreifen, dass unser wertvollstes Werkzeug zur Entwicklung und Veränderung häufig ungenutzt verkümmert und wir damit die eigentlich wirklich kreativen Prozesse in uns unterbinden und verneinen?


Es würde bedeuten sich von vielem zu trennen. Von vielem, an das wir kollektiv glauben, das wir gelernt und gelebt haben. Es würde bedeuten Arbeit neu zu denken, neu zu gestalten – und das weitaus ganzheitlicher und tiefgreifender als bisher geschehen.

Um dieses Wunderwerk der Natur wirklich zu nutzen, braucht es einen Wandel – kulturell, menschlich und wirtschaftlich. Das geht nicht von heute auf morgen, nicht mit Pauken und Trompeten, eher leise, sanft und sacht. Vielleicht können wir hier einen Anfang machen.

Text Martje Mehlert | Lektorat Julia Reverey | Illustration Carina Lange | Inhaltliche Anlehnung an Steven Johnson: Wo gute Ideen herkommen.