Wenn mein Verstand zu zweifeln beginnt, dann bekommt er Haare auf den Zähnen.

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Verstand:

Martje, bei Dir klingt immer alles so gut und schön. Herzerwärmende, ermutigende Worte: finde Deinen Weg, hör auf Dein Herz, handle aus Liebe statt aus Angst. Erzähl das mal dem Fabrikarbeiter mit vier Kindern zu Hause, erzähl das den Menschen, die Hunger und Krieg erleben.
Wer bist Du, dass Du solche Naivitäten in die Welt posaunst? Vielleicht kannst Du das Dir selbst erzählen, in Deiner privilegierten westeuropäische Blase, in deinem utopischen Kokon aus Selbstfindung, Cappuccino und Biogemüse. Aber ein Großteil der Welt hat andere Sorgen. Wirkliche Sorgen. Da wird nicht nur nach dem erfüllteren Leben gesucht, da geht es oft genug ums Überleben.
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Martje:

Verstand, dein Sichtfeld ist sehr eingeschränkt, lass uns ein wenig größer denken. Das, wonach ich hier suche, ist das Menschsein, unsere gemeinsame Basis. Aber natürlich schreibe ich aus meiner Position heraus, wie sollte und könnte es anders sein?
Ich bin keine Fabrikarbeiterin, ich bin hier geboren und aufgewachsen, ich lebe in einer Realität, die nicht mehr oder weniger real ist als alle anderen auf dieser Welt. Und ich möchte von meiner Position aus diese Welt mitgestalten, die Möglichkeiten, Talente und Potenziale nutzen, die genau ich, genau hier und genau jetzt innehabe.
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Verstand:

Du bist also dazu gemacht deine kleinen gesammelten Weisheiten vom Schreibtisch aus zu verkünden. Sollen die anderen sich die Hände schmutzig machen. Aber ich frage Dich: wer ist denn dazu gemacht, stundenlang am Fließband zu stehen? Oder wer ist dazu geboren, tausende von Meilen weit zu fliehen, Misshandlung zu erleben, Hunger und Not zu leiden?
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Martje:

Mein lieber Verstand, niemand, einfach niemand. Und ich wünsche mir sehr, dass wir diese Ungerechtigkeiten ändern können. Dieser Weg des Wandels, an den ich glaube, der beginnt allerdings im Inneren. Wir haben lange genug im Außen gewühlt, gemacht und getan. Und sind auf einigen Gebieten damit sehr weit gekommen, auf anderen allerdings keinen Schritt voran.
Die innere Transformation eines jeden Einzelnen bewirkt meiner Meinung nach unweigerlich einen authentischen und nachhaltigen äußeren Wandel. Denn aus Angst und Mangel entstehen Angst und Mangel. Jede Lösung, die aus Wut und Verletzung geboren wird, erzeugt wieder Wut und Verletzung.
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Verstand:

Martje, deine Lösung für die Probleme der Welt ist also, sich hinzusetzen und in sich hinein zu lauschen?
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Martje:

Gib Dich nicht der Illusion hin, diese Art des Wandels wäre so einfach. Verfalle nicht dem Glauben, es gehe mir nur um Rückzug und Abkapselung. Es geht um Verantwortung und Führung. Es bedarf viel Mut, Kraft und Vertrauen, sich wirklich innerlich und äußerlich zu bewegen. Ich will diesen Weg nicht rechtfertigen, indem ich ihn auch als schwer oder hart darstelle – das braucht er nicht zu sein, aber unterschätze die knifflige Reise von der Angst zur Liebe nicht.


Martje Mehlert